{"id":4419,"date":"2018-09-27T12:59:18","date_gmt":"2018-09-27T10:59:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.ispas-ev.de\/?p=4419"},"modified":"2018-09-27T13:08:30","modified_gmt":"2018-09-27T11:08:30","slug":"chelm-rueckblick-und-beginn-der-partnerschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/test.ispas-ev.de\/?p=4419","title":{"rendered":"Chelm &#8211; R\u00fcckblick und Beginn der Partnerschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/www.ispas-ev.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/pl.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"thumbborder\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/46\/POL_Che%C5%82m_flag.svg\/100px-POL_Che%C5%82m_flag.svg.png\" srcset=\"\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/46\/POL_Che%C5%82m_flag.svg\/150px-POL_Che%C5%82m_flag.svg.png 1.5x, \/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/4\/46\/POL_Che%C5%82m_flag.svg\/200px-POL_Che%C5%82m_flag.svg.png 2x\" alt=\"Flag of Che\u0142m\" width=\"100\" height=\"66\" data-file-width=\"742\" data-file-height=\"491\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p><strong>Ursprung und Beginn der Partnerschaft<\/strong><\/p>\n<p>Vor 18 Jahren kam erstmals eine Gruppe von Sch\u00fclern und Lehrern aus Sindelfingen ans Stefan-Czarniecki-Lyzeum. F\u00fcr uns alle bedeutete das zun\u00e4chst eine Reise in ein unbekanntes Land zu unbekannten Menschen. Unbekannt, obwohl man besonders in S\u00fcdwestdeutschland vor 170 Jahren den vertriebenen freiheitsliebenden Polen zugejubelt hat. Einer von ihnen f\u00fchrte damals die revolution\u00e4ren badischen Demokraten gegen die preu\u00dfische Milit\u00e4rmaschine. Sp\u00e4ter ist eben alles geschehen, um diese Verbundenheit vergessen zu machen.<\/p>\n<p>Einige <strong>Empfindungen<\/strong>, die ich bei diesem ersten Besuch hatte, habe ich <strong>im Oktober 2000<\/strong> versucht einzufangen.<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t und Verst\u00e4ndnis<\/strong><\/p>\n<p>In unserer Partnerschule geht es gesch\u00e4ftiger zu als am Goldberg-Gymnasium. Es gibt nur erwachsene Sch\u00fcler der Oberstufe, die in den Pausen durch die G\u00e4nge ziehen und ihre Fachr\u00e4ume suchen. Die Wege sind labyrinthisch. Auf der Toilette findet sich der deutsche Kollege kaum zurecht. Der Zigarettenrauch ist wie Nebel: Er hustet und wei\u00df nicht mehr, was er dort eigentlich will. Die polnischen Gastgeber geben sich resigniert: \u201eEs gibt bei uns keine Raucherecke\u201c.<\/p>\n<p>Was soll \u00fcberhaupt Perfektion? In Chelm erscheint uns das Stra\u00dfenpflaster manchmal holprig. Viele Fassaden sind noch blass oder einger\u00fcstet. Der freundliche Schutzgeist, wei\u00df gewandet, der in den Katakomben des Kreidebergwerks unter der Stadt erscheint, erteilt Mahnungen und Rat, aber auf Polnisch. Dann wartet er auf die \u00dcbersetzung. Das dauert eine Weile, aber Improvisation ist alles.<\/p>\n<p><strong>Noblesse und Toleranz<\/strong><\/p>\n<p>Die Adelsfamilie der Zamojski hatte in der N\u00e4he ein Schloss. Heute ist es Staatsbesitz, mit Sorgfalt restauriert, der Park hoch gepflegt. Das letzte Gem\u00e4lde der Ahnenreihe zeigt die Familie um 1930: die Hausherrin, jung, vornehm, im hellen Kleid. Sicher, auch\u00a0 hier wurde Personal ausgebeutet. Aber der Vorfahr Jan Zamojski hat in der Nachbarschaft die Renaissance-Stadt Zamosc gegr\u00fcndet. In ihr lebten Polen, Juden, Deutsche, Armenier, Griechen, Russen und T\u00fcrken friedlich zusammen. Rosa Luxemburg ist dort geboren. Unter den Nazis sollte sie den Namen \u201eHeinrich-Himmler-Stadt\u201c bekommen.<\/p>\n<p><strong>Tradition mit Mut zum Pathos<\/strong><\/p>\n<p>Alle zehn Jahre treffen sich im Stefan-Czarniecki-Lyceum die Ehemaligen. Ein Wei\u00dfhaariger und ein Junger tragen die Fahnen der Schule zur Trib\u00fcne im Hof. Reden werden gehalten. Dann singen alle die Nationalhymne \u201eNoch ist Polen nicht verloren&#8230;\u201c<\/p>\n<p>Am Abend geht man zum Schulball in der Sporthalle. Der Kollege vom GGS nippt muffig an seinem Wodka. Er liebt die Konversation, aber auf Deutsch, Englisch oder Franz\u00f6sisch ist nichts zu erreichen. Die Gastgeberinnen haben sich zu ihren alten Abiturienten davongemacht. Da, der Lichtblick: Eine junge Dame fordert ihn zu einem T\u00e4nzchen auf. Nach der flotten Rock-Runde verabschiedet er sich mit der Verbeugung, die er in der Tanzstunde gelernt hat. Sie deutet l\u00e4chelnd einen Knicks an.<\/p>\n<p><strong>Entsetzen und Mitleid<\/strong><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Besichtigung des Konzentrationslagers Majdanek. Wir werden in die H\u00e4ftlingsbaracken gef\u00fchrt. Von hier aus ging es f\u00fcr die Gedem\u00fctigten in die Gaskammern. Man zeigt an der Decke die \u00d6ffnungen, durch die das Gift geworfen wurde. An den \u00d6fen des Krematoriums vorbei\u00a0 schlie\u00dflich zum Ascheh\u00fcgel mit den wei\u00dflichen Knochensplittern. Er hat vierzig Meter Durchmesser und ist mehrere Meter hoch. Heute liegt er unter einer Betonkuppel. Der herbstliche Ostwind ist kalt. Wenn die H\u00f6lle je auf die Erde kam, dann hier.<\/p>\n<p>In Krakau gibt es die Judenstadt Kasimierz. Auf der Breiten Stra\u00dfe wurden Szenen f\u00fcr den Film \u201eSchindlers Liste\u201c gedreht. In der Synagoge liegen elf Gebetb\u00fccher auf den Pulten. Sie geh\u00f6ren denen, die von 70 000 \u00fcbrig geblieben sind. Am Abend trinken wir ein Bier in einer Wirtschaft, die aussieht wie Gro\u00dfmutters Wohnstube. H\u00e4keldeckchen auf den Tischen, ein Sofa in der Ecke.\u00a0 Drei\u00a0 junge Leute spielen jiddische Klezmermusik. Es sind Polen, Studenten der Krakauer Musikhochschule.<\/p>\n<p><strong>Zeitlosigkeit<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Am Ufer des Bug l\u00e4uft die Grenze zu Wei\u00dfrussland. Inmitten von Wiesen liegt das Kloster des heiligen Onufrios unter alten B\u00e4umen. Die orthodoxen M\u00f6nche beten seit 500 Jahren und ringen um die Vereinigung mit Gott. Der Fluss str\u00f6mt unter den herabh\u00e4ngenden \u00c4sten murmelnd\u00a0 rasch vorbei. Bei Hochwasser wird der Platz des Klosters zur Insel.<\/p>\n<p><strong>Gastfreundschaft<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Wir h\u00f6rten, die Goldbergler f\u00fchlten sich wohl bei ihren Gastfamilien. Es gab gro\u00dfe Trauer beim Abschied. Die Verst\u00e4ndigung ging auf Deutsch, Englisch, Franz\u00f6sisch vor sich. Wenn die deutschen Lehrer doch schon so viel Polnisch gelernt h\u00e4tten wie ihre Eleven! Am Abend trifft man sich unter Freunden zum Grillfest in einem fr\u00fchherbstlichen Garten. Die Bewirtung ist \u00fcppig. Dann die Ges\u00e4nge zu Gitarre und Akkordeon: \u201eWir versaufen unsrer Oma ihr klein H\u00e4uschen&#8230;\u201c auf Polnisch. \u201eKalinka\u201c weist nach Osten.<\/p>\n<p>Das Wodkaglas wird aufmerksam immer wieder gef\u00fcllt. Heimlich l\u00e4sst der undankbare Gast den Inhalt auf den Boden flie\u00dfen. Im Gras f\u00e4llt das nicht weiter auf.<\/p>\n<p><strong>Und jetzt:<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong>Beim gemeinsamen Besuch in Heidelberg im Fr\u00fchjahr 2009 waren die polnischen Sch\u00fcler und ihre deutschen Gastgeber nicht mehr auseinanderzuhalten. Sie waren nun e i n e Gruppe.<\/p>\n<p>Die Spur dieser Erfahrungen, die die polnischen Freunde uns vermittelt haben, hat sich in den folgenden Jahren tief eingegraben. Sie f\u00fchrt weg von historischem Vorurteil und politischem Gez\u00e4nk. Niemand darf die Katastrophen der Vergangenheit vergessen. Aber da ist f\u00fcr die Alten zum Gl\u00fcck die Chance, f\u00fcr die Jungen die Gewissheit des Neuanfangs bei einem offenen Zusammenleben in Europa.<\/p>\n<p>Der Gemeinderat nimmt sp\u00e4ter die Anregung durch die Schule auf und begr\u00fcndet die St\u00e4dtepartnerschaft.<\/p>\n<p>Gerhard B\u00f6hm<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ursprung und Beginn der Partnerschaft Vor 18 Jahren kam erstmals eine Gruppe von Sch\u00fclern und Lehrern aus Sindelfingen ans Stefan-Czarniecki-Lyzeum. 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